China und der Kampf um die Mitte

Immer mehr internationale Firmen verlagern ihre Produktion nach China. Seit Jahren verzeichnet das Land der Mitte aufgrund niedriger Löhne wirtschaftliches Wachstum. Während billige Arbeitsplätze immer mehr internationale Geschäftsleute nach China locken, beginnt der Kampf chinesischer Arbeiter um bessere Arbeitsbedingungen.

Die Welt von oben

Shanghai ist das zu Beton gewordene Sinnbild des chinesischen Fortschritts und eine der am schnellsten aus dem Boden gestampften Städte der weltweiten Baugeschichte. Wir befinden uns in einer Bar im 87. Stock des Jin Mao Towers, einer der vielen Wolkenkratzer im Finanzviertel Pudong. Die Einrichtung und der Service sind an Chic schwer zu überbieten. Ebenso beeindruckend, die Aussicht durch die großzügig ausgestattete Glasfront auf das nächtliche Lichtermeer der Stadt. Internationale Geschäftsmänner lassen den Tag bei Cocktails ausklingen. „Wir sind hier, um uns umzusehen und Geschäfte zu machen“, sagt einer der drei Männer, die für eine Messgerätefirma aus Deutschland arbeiten. Der Grund für eine Verlagerung von Produktionsstätten in Richtung Osten sei das immense Einsparungspotential, das durch niedrige Arbeitslöhne bei hohem Arbeitsstundenausmaß entstehe. Wenn die Frage nach der moralischen Legitimität dieses Geschäftemachens aufkommt, lautet die überraschend ironische Antwort: “Mit wem sonst? Mit wem auf der Welt soll man denn sonst noch lohnend zu Geld kommen, mit Amerika?“

Glitzerndes Shanghai bei Nacht

Glitzerndes Shanghai bei Nacht

Internationale Geschäftsleute überfluten China

Sie sind nicht die einzigen Geschäftsleute, die durch Produktion in China Umwelt- und Gewerkschaftsbestimmungen in Europa umgehen. Ein holländischer Angestellter der Transportmittelindustrie ist in China, um Stahl zu kaufen. Im Gegensatz zu den drei Männern in der Bar sieht er sich dazu gezwungen, um auf dem europäischen Markt nicht unter zu gehen.

Weiter westlich spaziert ein österreichischer Geschäftsmann durch ein riesiges Einkaufszentrum in Yiwu, einer Kleinstadt Chinas. „Ich bin immer auf der Suche nach Ideen bzw. Waren, die sich in Europa verkaufen lassen. „Der Einkauf sowie das Verschiffen der Waren kosten einen Bruchteil des Preises, den ich für die Waren in Europa verlangen kann“, erzählt der Jungunternehmer. Über die ganze Stadt verteilt gibt es insgesamt rund 150000 kleine Läden, in denen Räder, Spielzeugmotorräder, Helme, Geschenkpapier, Werkzeug oder einfach so gut wie alles zu finden ist. Was die Läden vieler Länder um den Globus an Klein- und Großkram mit dem Label „Made in China“ füllt, kann hier erworben werden. Das Einkaufszentrum in Yiwu ist kein herkömmliches. Hier bekommt man nichts unter einer Mindestbestellung von 10000 US-Dollar. Hier wird gekauft, was in Containern verschifft und andernorts um Vielfaches verkauft wird.

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Yiwu ist eine ansonsten unspektakuläre Stadt, von Touristen ungekannt, vom Fortschrittswahnsinn  vergessen. Somit gibt es keine Wolkenkratzer, kein übertrieben nächtliches Lichtgeschrei und keine Menschenmassen, zwischen denen man über die Straßen getrieben wird. Und trotzdem ist die Stadt eines der wichtigsten wirtschaftlichen Tore Chinas in die Welt.

Gut gelaunt schlendert der österreichische Jungunternehmer durch seine neue Wahlheimat, in der er seit gut einem Jahr seine Ideen verwirklichen kann, wie er sagt. Er pflegt Kontakte zu mehreren Fabriken, die für ihn produzieren. „In vielen Belangen ist meine Arbeit hier flexibler und unkomplizierter als bei uns zu Hause. Wenn ich innerhalb der nächsten drei Monate dreihundert ArbeiterInnen für eine Produktion brauche, bekomme ich sie. Wenn ich sie nicht mehr benötige, gibt es bei fristloser Entlassung keinerlei gewerkschaftliche Probleme“, erklärt der Jungunternehmer, während wir zu abendlicher Stunde durch den Teil der Stadt gehen, in dem sich sein Büro befindet.

Der Stadtteil ist geprägt von Lagerhäusern, Märkten und kleinen Fabrikräumen. Geschäftiges Treiben umgibt uns selbst zu dieser Stunde, während uns derselbe vor einer Nähmaschine arbeitende Mann, der uns beim morgendlichen Aufbruch zugewinkt hat, wieder begrüßt. Es ist kurz vor Mitternacht.

Lohnende Geschäftsabschlüsse vs. kaum leistbare Grundbedürfnisse

Arbeitstage wie diese sind auch in den modernen Städten Chinas keine Seltenheit. Die 21- jährige Lian arbeitet 120 Stunden pro Woche in einem Hotel in Peking. Sie hat Tag- und Nachtdienst und schläft in einer kleinen Kammer am Ende des Ganges, die sie mit ihrem Kollegen teilt. Von morgens bis weit nach Mitternacht betreut sie die Gäste an der Rezeption. Wenn sie von der Anzahl der Arbeitsstunden erzählt, wirkt sie wenig begeistert, dennoch gibt es für sie kein Infragestellen der Autorität ihres Chefs. „Er braucht mich, also muss ich arbeiten“, lautet die kurze Erklärung.

Arbeitsfreie Wochentage gibt es hierzulande nicht, genauso wenig wie eine gesetzliche Arbeitszeitenregulierung. Jede/r ArbeiterIn ist rund um die Uhr und zu hundert Prozent einsetzbar. Dabei entbehren chinesische  ArbeiterInnen bei einem Alltag, der von Erschöpfung und wenig sozialen Kontakten geprägt ist, der Krankenversorgung und auch zu einem großen Teil der Schulbesuche ihrer Kinder. Essen und Wohnen sind aufgrund hoher Inflationsraten bei nicht angepassten Löhnen kaum leistbar. Aufgrund des niedrigen Lohnes und hohen Arbeitsstundenausmaßes wachsen Chinas Städte in kürzester Zeit zu modernen Metropolen heran und kommen Geschäfte ausländischer Firmen zu einem lohnenden Abschluss. Was internationale Geschäftsleute so freut, scheint zeitlich begrenzt.

Das Billiglohnmodell kommt ins Wanken

Zwischen Mai und Juni letzten Jahres füllen Berichte über eine Streikwelle innerhalb Chinas Fabriken die in- sowie ausländischen Medien. Erste Pionierarbeit zeigen junge ArbeiterInnen der Automobilindustrie, indem sie sich zusammenschließen und trotz Streikverbotes und unter Androhung von Polizeigewalt ihre Arbeit niederlegen.

Die Nachricht über erzielte Streikerfolge verbreitet sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land und mit ihr der Mut zu erneuten Streikversuchen innerhalb verschiedenster Firmen. Das Posten von detaillierten Berichten, Filmen und Bildern auf Onlineportalen sowie das Verschicken von SMS beschleunigen den Informationsfluss durch das ganze Land trotz Medienzensur enorm.

Die Streikenden sind zu einem großen Teil sehr jung und zählen zur zweiten Generation von WanderarbeiterInnen, die ursprünglich aus den ländlichen Gebieten Chinas stammen. Sie sind in den 1980er und 1990er Jahren geboren, wohnen hauptsächlich in Städten und weigern sich weiterhin unter schlechten Bedingungen zu arbeiten. Sie fordern höhere Löhne und die Bezahlung von Überstunden, aber auch das Recht auf Sozialleistungen und die Auflösung des Verbotes unabhängiger Gewerkschaften. „Das Organisieren unabhängiger Gewerkschaften wurde bisher meist mit hoher Brutalität unterbunten“, erzählt ein in Peking arbeitender Aktivist für Menschenrechte in China, „Versuche wurden bestraft mit dem Verlust der Arbeit, bis hin zu Geldstrafen, Arbeitslagern und sehr häufig physischen Gewaltakten.“

Unternehmen geben Zugeständnisse, jedoch mit Ausweichmanövern

Zunächst übergegriffen auf Autozulieferbetriebe wie Omron, der Elektronikbauteile für Honda, Ford und BMW produziert, werden bald auch Streiks auf andere Branchen, vor allem auf die Elektronikbranche, ausgeweitet. Die Firmen geben Zugeständnisse bei Lohnerhöhungen von bis zu 70 % und auch das Recht auf selbstständige Bildung von Gewerkschaften wird von der Regierung in Betracht gezogen.

Neben all den Zugeständnissen werden auch alle Register in punkto Ausweichmanöver gezogen. Unternehmen wie Nissan und Utech reagieren auf Lohnerhöhungen und den Arbeitskräftemangel, indem sie ihre Automatisierung steigern, also Menschen gegen Maschinen austauschen. In den Fabriken am Perlfluss-Delta werden mittlerweile illegale Immigranten aus Vietnam, Kambodscha und Burma eingestellt, die unter noch schlechteren Bedingungen arbeiten.

Während Wirtschaftsexperten bei anhaltenden Lohnsteigerungen ein Abwandern der Produktionsfirmen in südliche Richtung, beispielsweise Vietnam, vermuten, hofft die chinesische Regierung auf die steigende Kaufkraft der eigenen Bevölkerung, um den ökonomischen Aufschwung des Landes weiterhin voranzutreiben.

Zurück in der Bar…

Zurück in der Bar im 87. Stock des Jin Mao Towers über den vielversprechenden Lichtern von Shanghai mag es ein berauschendes Gefühl sein, so ein Geschäftsabschluss, ähnlich wie der Blick aus dem Fenster. Arbeitsrechtliche Zustände innerhalb Entwicklungsländern werden hoch oben im Wolkenkratzer von befragten Geschäftsleuten mit ebenso hoher Distanz betrachtet. „Steigende Löhne mindern logischerweise den Gewinn“, sagt einer der drei deutschen Geschäftsmänner. „ Wir sind keine Weltretter. Wir sind nur hier, um Geschäfte zu machen. Schließlich müssen wir auch von irgendetwas leben.“

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